Wieso begünstigt Stress einen Reizdarm und Nahrungsmittelintoleranzen?

Stress schlägt auf den Magen. Hat im Grunde jeder schon einmal gehört. Gleichzeitig erleben viele, dass sie während des Urlaubs mit viel weniger Problemen zu kämpfen haben wie Sodbrennen, Reizdarm, Blähungen und auch weniger zu Intoleranzen zu neigen scheinen. Würde man zuhause dermaßen von seiner antientzündlichen Diät abweichen, wie man es im Urlaub oft tut, würde sogleich ein Schub und ein Wiederaufflammen der Symptome erfolgen. Doch oftmals kann man sich während des Urlaubs mehr erlauben. Wieder zuhause angelangt, wenn einen der Alltagskampf wieder hat, kehren die alten Probleme verlässlich zurück.

Um wirklich zu begreifen, was man sich da Tag für Tag antut oder antun lässt und was die kurz- und langfristigen Folgen sind, sollten wir einmal beleuchten, was hierbei genau in unserem Körper geschieht.

Untersuchungen an verschiedenen Tierarten zeigen, dass sich unter Stresssituationen der Stoffwechsel ändert. Jetzt verlangt es den Körper nach einfachen Kohlenhydraten als schnell verfügbare Energielieferanten. Wie inzwischen allerdings ins Allgemeinwissen durchgedrungen sein dürfte, haben ein Übermaß an Zucker und Kohlenhydraten auf uns keine gesunden Auswirkungen. Schauen wir uns alleine einmal den Darm an, was dort geschieht. Nehmen wir in unserem Heißhunger mehr Kohlenhydrate auf, als wir individuell aufspalten und verstoffwechseln können, kommen Teile davon unverdaut in den unteren Darmabschnitten an, wo sie ein gefundenes Fressen für unsere Darmflora werden. Spezies, die zwar Teil einer gesunden Darmflora sind, von denen wir aber auf keinen Fall wollen, dass sie Überhand nehmen, können nun verstärkt wachsen und andere gute Bakterienstämme verdrängen, außerdem kommt es oftmals durch diese mikrobielle Zersetzung in unserem Darm zu einer übermäßigen Gasbildung, deren unangenehme Auswirkungen auf unseren Darm wohl jedem bekannt sein dürften. Ebenfalls können histaminbildende Stämme überhand nehmen, was ebenfalls zu einer Reizung des Darms, aber auch einer Belastung des übrigen Körpers führen kann.

Auch eine Veränderung der Stuhlkonsistenz kann die Folge sein, entweder hin zu flüssiger oder fester. Essen wir chronisch zu viele Kohlenhydrate, kann sich unsere Darmflora langfristig krankhaft verändern, es kommt zu chronischen Problemen. Rückkoppelnd kann unser Gehirn bei chronisch zu hoher Kohlenhydratzufuhr (was „zu hoch“ genau bedeutet ist für jeden unterschiedlich) und einer krankhaft veränderten Darmflora das Signal bekommen: Zeit des Stresses, überall lauern Gefahren, gegen die ich gewappnet sein muss. Ein Teufelskreis.

Was bedeutet „Stress“ an sich überhaupt?

In der Altsteinzeit bedeutete das zum einen eine Situation wie Hungersnot, Dürre, der Jagderfolg blieb aus. Wir sind von daher noch darauf programmiert, energiereiche Nahrungsquellen in uns reinzuschaufeln, wann immer wir drankommen. Wer hätte ahnen können, dass wir einmal in Zeiten leben würden, in denen zumindest der halben Welt schier unbegrenzt billige Nahrungsmittel zur Verfügung stehen? Würdest du heutzutage deinen Kindern das Märchen vom Schlaraffenland vorlesen, so würden sie wahrscheinlich nur noch unverständig mit den Schultern zucken.

Was bedeutete damals, vor vielen tausenden von Jahren ebenfalls Stress? Aus dem Gebüsch springt plötzlich ein Säbelzahntiger oder Wolf und du musst um dein Leben rennen, vielleicht auf einen Baum klettern. Oder das Reh hat dich bemerkt, das das Abendessen für deine gesamte Familie bedeuten könnte, du musst jetzt lossprinten und alles in den Wurf deines Speeres legen… Oder du stehst im Konkurrenzkampf mit einem Stammesangehörigen und jetzt fordert er dich mit Schubsen, Schlägen und Brüllen heraus. Du spannst die Muskeln an, um zurückzuschlagen, füllst deine Lungen mit Luft, um ihn anzuschreien und dich dann auf ihn zu stürzen, denn schließlich musst du deine Ehre und deine Familie verteidigen…

Was passiert auf der körperlichen Ebene, vor allem, was hat das mit dem Darm zu tun?

Unser Körper wird regiert von zwei Nervensystemen, dem Sympathikus und dem Parasympathikus, die zusammen mit dem enterischen Nervensystem (unserem „Bauchhirn“, das durch die beiden erstgenannten kontrolliert wird) das autonome (oder vegetative) Nervensystem bilden und unsere physiologischen Vorgänge antagonistisch (als Gegenspieler) regulieren. Der parasympathische Zustand wird auch Zustand des Erholens und Verdauens („rest and digest“), der sympathische als Zustand des Kämpfens und Fliehens („fight and flight“) bezeichnet. Während ersterem läuft unsere Verdauung rund, unser Magen-Darmsystem (glatte Muskulatur) wird mit Blut versorgt, Magensäure und Verdauungsenzyme bei Bedarf produziert und sekretiert. Unser Immunsystem arbeitet gleichmäßig und räumt auf, und in unserem Körper laufen Reparaturvorgänge ab, sowie der Aufbau neuen Gewebes, Muskeln, Haut, Schleimhaut, Synapsen (anabol)…

Der sympathische Zustand ist der des akuten Stresses. Die Verdauung kommt ins Stocken, das Blut wird vom Magen abgezogen und in die jetzt viel wichtigeren Skelettmuskeln, Herz und Lunge gelenkt, denn jetzt sollen wir bereit sein, zu rennen, zu klettern, zuzuschlagen. Jetzt greifen wir auf unsere Reserven zurück (katabol). Die Bildung von Verdauungsenzymen wird eingestellt, jetzt wird auch der Mund ganz trocken (kennst du sicher vor einem unangenehmen Gespräch, einer Prüfung…). Vielleicht kriegt man auch Durchfall, um schnell Ballast loszuwerden, den man gerade nicht verarbeiten kann und der einen bei der Flucht hindert. Wenn mein Pferd Kairo auf einem unserer Ausritte etwas Furchterregendes sieht, wie eine Erntemaschine oder eine Kuh, wird erstmal der Schweif gelüftet und geäppelt.

Eingeleitet werden all diese Veränderungen durch die Ausschüttung von Hormonen, zunächst die Ausschüttung von Corticotropin Releasing Hormone (CRH) im Hypothalamus im Gehirn (der das Signal vom Hippocampus erhalten hat, dass eine Gefahr registriert wurde), was ein Signal an die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) sendet, Adrenocorticotropic Hormone auszuschütten, und schließlich die Nebennieren aktiviert (HPA-Achse). Die Nebennieren scheiden nun Cortisol (=Hydrocortison) und Catecholamine (z.B. Adrenalin) aus, was das Signal für all diese Veränderungen im gesamten Körper gibt, mit dem Ziel, uns einen Energieschub zu verpassen. Cortisol ist das in unserem Körper am häufigsten vorkommende und wichtigste Glucocorticoid, beinahe jede unserer Körperzellen besitzt Cortisolrezeptoren, somit kann unser gesamter Körper (und zwar in sekundenschnelle) durch dieses Hormon beeinflusst werden!

Auch unser Immunsystem wird in gewissen Bereichen unterdrückt, da man die Ressourcen jetzt anderweitig benötigt. Der Fokus liegt nun auf der Erstellung einer akuten Entzündungsreaktion. An das Knochenmark geht nun das Signal, vermehrt weiße Blutkörperchen als Immunabwehrzellen zu produzieren, die wiederum Entzündungsstoffe freisetzen. Der Körper ist jetzt eher darauf eingestellt, eine akute Wunde zu reparieren und eindringende Bakterien zu bekämpfen, als für langfristige Ordnung zu sorgen. Besonders in unseren Barrieregeweben wie Haut, Schleimhäuten, eben auch im Darm werden die Abwehrzellen nun aktiver und empfindlicher um jegliche Eindringlinge zu bekämpfen. Hierzu zählen insbesondere die Mastzellen, die neben Histamin auch noch fast 100 weitere Entzündungsbotenstoffe abgeben. Leider werden auch mehr Immunglobuline produziert und unser Darm wird durchlässiger, die Folge ist: Wir entwickeln leichter allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel!

Das Problem ist, dass wir es heutzutage in der Regel nicht mehr mit kurzen, heftigen Auseinandersetzungen mit Räubern oder ranghöheren Gruppenmitgliedern zu tun haben. Es ist chronischer Stress, mit dem es der Mensch des 21. Jahrhunderts zu tun hat, dem er nicht mit einem Kampf, Geschrei und Drohgebärden, oder einer schnellen Flucht entgehen kann. Es kann vielmehr Stress sein, den wir für Jahre ertragen müssen. Die Schulzeit, Mobbing oder unfaire Behandlung auf dem Arbeitsplatz oder mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten, die Familiensituation, Misshandlungen oder Missbrauch in der Kindheit, die ein Trauma nach sich gezogen haben, eine unerfüllte Beziehung voller Streit, drückende Schulden, ein schlechtes Gewissen wegen etwas. Zu harter Leistungssport kann ebenfalls einen großen Stress für den Darm bedeuten und sogar zu einer erhöhten intestinalen Permeabilität (leaky gut) führen.

Dummerweise kann unser Körper nicht unterscheiden, ob wir uns gerade in einer wirklich lebensbedrohlichen Situation befinden (z.B. durch ein wildes Tier verfolgt werden) oder ob die Gefahr „nur in unserem Kopf“ ist. Für unseren Körper ist sie immer real! Denk dich nur in die Situationen, die du vielleicht aus deinem Alltag kennst. Du sitzt friedlich an deinem Schreibtisch. Plötzlich ruft dich dein Chef in sein Büro wegen einer Sache, die du versäumt hast. Oder du sitzt auf deiner Couch und bekommst plötzlich eine unsensible und verletzende WhatsApp-Mitteilung. Eigentlich ist nicht wirklich etwas passiert, oder? Du sitzt nach wie vor auf deinem Bürostuhl, auf der Couch. Und plötzlich wird dein Mund trocken, deine Handflächen werden schwitzig, dein Herz beginnt zu rasen, dein Gesichtsfeld zieht sich zusammen. Deine letzte Mahlzeit sitzt dir plötzlich wie ein Stein im Magen, vielleicht bekommst du auch den Impuls, auf Toilette zu rennen.

Wie man sich sicher vorstellen kann, hat eine chronische Unterversorgung des Darms mit Blut, eine verschlechterte Motilität und eine zu geringe Produktion von Magensäure und Verdauungsenzymen keine guten Folgen. Pathogene in unserer Nahrung (Bakterien, Pilze, Parasiten) werden schlechter abgetötet und unsere Nahrung nur ungenügend zersetzt, was wieder zu einer negativen Veränderung der Darmflora führen kann, wie zuvor beschrieben, aber auch dazu, dass vermehrt ungenügend aufgespaltene Proteine in unseren Darm gelangen und dort von unserem Immunsystem mit Pathogenen verwechselt und angegriffen werden. Allergien und Intoleranzen gegen bestimmte Lebensmittel entstehen, was wiederum zu einer weiteren Reizung des Darms und einer Belastung des gesamten Körpers beiträgt. Ein überschießendes Immunsystem kann obendrein direkt für Kollateralschäden in deinem gesamten Körper, einschließlich des Darms, sorgen. Stress kann obendrein buchstäblich „antibiotisch“ wirken und dafür sorgen, dass Teile unserer guten Darmbakterien absterben, die wir aber doch dringend brauchen, da sie darmpflegende, wichtige kurzkettige Fettsäuren bilden. Was bringt es also, viel Geld in teure Probiotika zu stecken, wenn wir unseren Bakterien keine gute Lebensgrundlage bieten? Weicher, faulig riechender Stuhl mit unverdauten Partikeln und Durchfall können die Folge sein, aber umgekehrt kann es ebenfalls zu Verstopfung kommen. Eine tägliche Ausscheidung unserer Abfallstoffe ist entscheidend, ansonsten kann es zu einer toxischen Belastung für die Leber und den gesamten Organismus kommen. Auch steigt das Risiko für schwere Darmerkrankungen an. Aufgrund der katabolen Wirkung des Cortisols regeneriert unser Darmschleimhaut außerdem schlechter.

Durch die schlechtere Blutversorgung bekommen unsere Verdauungsorgane weniger Sauerstoff ab, zusammen mit einer Verringerung der Verdauungsenzyme sorgt dies für eine schlechtere Nährstoffaufnahme und somit zu einer chronischen Unterversorgung des Körpers, was ebenfalls wieder Intoleranzen begünstigen kann, wenn z.B. Cofaktoren für bestimmte Enzyme fehlen. Gleichzeitig werden leider auch vermehrt Nährstoffe, besonders Spurenelemente (Calcium, Magnesium, Chrom, Bor…), über den Urin verloren, da die Funktion der Nieren negativ beeinträchtigt wird, und durch einen erhöhten Stoffwechsel vermehrt verbraucht (z.B. Zink, Vitamin C, B-Vitamine, Selen…). Schade um die teure Nahrungsergänzungsmitteln…

Aus diesem Artikel dürfte klar geworden sein, dass es keinen Sinn macht, Organe einzeln zu betrachten. Es muss der ganze Mensch gesehen werden. Es hängt alles zusammen und voneinander ab. Vor allem dürfen nicht nur die Symptome medikamentiert werden, egal ob mit Pharmazeutika oder Naturmitteln. Unsere Lebensweise und unsere Entscheidungen haben einen großen Einfluss auf unsere Gesundheit und Stress ist der große Killer des 21. Jahrhunderts. Natürlich gilt zu hoffen, dass es hier zu einem Umdenken in der Arbeitswelt und im Gesundheitswesen kommt, die sich häufenden Fälle von chronischen seelischen wie körperlichen Erkrankungen werden in absehbarer Zeit auch wirtschaftlich ihren Tribut fordern. Doch bis es so weit ist, sollten wir bei uns selbst ansetzen und uns „Überlebensstrategien“ in unseren Alltag integrieren. Vielleicht reichen schon ein paar gezielte Entspannungsmaßnahmen, für die man sich bewusst Zeit einbaut. Manchmal kann es auch notwendig sein, an unserem Verhalten etwas zu verändern, öfters mal „Nein“ zu sagen oder sich zur Wehr zu setzen. Oder einfach mal auszusprechen, was man sich WIRKLICH wünscht. Oftmals ist es auch unsere eigene Einstellung zu den Dingen, die die wahre Quelle unseres Stresses ist. Können wir uns darauf trainieren, die Dinge mehr anzupacken, die uns dauerbelasten, ein überfälliges Gespräch endlich führen, den Dachboden entrümpeln, den Dingen, die wir im Augenblick nicht ändern können, mit mehr Gelassenheit und Humor begegnen und unseren Fokus mehr in Dankbarkeit auf das lenken, was wir alles haben und schon erreicht haben und mehr die Chancen als die Grenzen zu sehen? Ich würde sagen ja, denn es war für mich ein wichtiger Schritt auf meiner Heilung, auch wenn das Leben in der Tat wirklich kreativ ist, wenn es um neue Herausforderungen geht (und ich noch viel zu lernen habe. Aber ihr hättet mich mal früher in meinem Sumpf aus Negativität erleben müssen..). Es kann ein langer Weg sein, doch irgendwann wird man feststellen, dass einen gewisse Dinge nicht mehr so schnell aus der Bahn werfen wie früher, dass man früher den Stoppschalter umlegt und sich nicht mehr so viel gefallen lässt, aber sich selbst auch mehr wert wird und besser für sich sorgt. Auch wenn es in Minischritten ablief, so kann ich rückblickend eindeutig sagen, dass ich heute nahrungsmitteltechnisch deutlich mehr vertrage, selbst die FODMAPs-Intoleranz schränkt mich kaum noch ein. Auf meinem Blog findest du bereits viele Tipps, was du selbst tun kannst, um deinen Körper vor unnötigen Belastungen zu schützen, weiteres wird folgen! Dein Darm wird es dir danken. 🙂

Abdominal pain may be a „headache equivalent“ or „abdominal migraine“ that is often precipitated by stress. ~Prof. Theoharis C. Theoharides

Do not bring people in your life who weigh you down. And trust your instincts … good relationships feel good. They feel right. They don’t hurt. They’re not painful. That’s not just with somebody you want to marry, but it’s with the friends that you choose. It’s with the people you surround yourselves with. ~Michelle Obama

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1.- Natterson-Horowitz, B., & Bowers, K. (2012). Zoobiquity: what animals can teach us about health and the science of healing. Vintage.

2.- Lamprecht, M., & Frauwallner, A. (2012). Exercise, intestinal barrier dysfunction and probiotic supplementation. In Acute Topics in Sport Nutrition (Vol. 59, pp. 47-56). Karger Publishers.

3.- The Slow Down Diet – Marc David

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